Leben und Tod machen was sie wollen
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, bleiben wir oft hilflos zurück. Wir vermissen die geliebte Person sehr und vielleicht sind noch bestimmte Themen ungesagt geblieben. Auf jeden Fall müssen wir uns daran gewöhnen, ohne den anderen weiter zu leben, ob wir das wollen oder nicht. Uns wird schmerzlich bewusst, dass unser Spielraum, in dem wir über unser Leben bestimmen können, erschreckend klein ist. Das kann uns so einschüchtern, dass wir denken, dass wir nicht viel mehr tun können, als diesen Zustand tatenlos auszuhalten. Das stimmt aber nicht ganz, denn den Spielraum, der uns bleibt, können wir aktiv nutzen.
Es gibt Gründe dafür, dass es Trauerarbeit heißt
Allerdings ist das mit Arbeit verbunden und damit, dass wir uns dem Verlust und der damit zusammenhängenden Trauer stellen. Jetzt magst du vielleicht sagen: „Würde ich ja gerne machen, aber ich weiß nicht wie.“
Die Kirche bietet einige Rituale aber viele von uns sehen sich dort nicht oder / und sie reichen uns nicht, weil sie auch ihre Grenzen haben. Weil es für uns oft schwer auszuhalten ist, dass wir für unseren geliebten Menschen nichts mehr tun können, kann man in der Kirche beispielsweise eine Messe lesen lassen oder auf dem Friedhof das Grab pflegen. Aber das ist oft einfach nicht genug, denn wir selbst bleiben mit unserer Überforderung durch den Verlust und mit unseren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen auf der Strecke. Einen Weg zu finden, anders als gewohnt, damit umzugehen, bedeutet Arbeit: Trauerarbeit.
Mit dem Verlust leben lernen
Lernen ist das, was wir Menschen wirklich können. Allein der Prozess, den wir durchlaufen haben, um sprechen und laufen zu lernen, war ungeheuerlich anstrengend aber wir haben es durchgezogen ohne es zu hinterfragen. Später gab es Dinge, die wir lernen wollten, auch wenn es manchmal nicht so leicht war und Dinge, die wir gar nicht gerne lernen mochten, und das wurde dann so richtig schwierig, denn wir mussten Widerstände dabei überwinden. Mit dem Verlust eines geliebten Menschen leben zu müssen, bedeutet für die meisten von uns, die größte Herausforderung vor sich zu haben, denn nichts lehnen wir so sehr ab, wie den Tod.
Hilflosigkeit
Der übergroße Widerstand kommt zusätzlich mit einer immensen Hilflosigkeit daher. Dass das so ist, hängt unmittelbar zusammen, denn ein Teil von uns will auch nichts finden, das uns hilft, über den Verlust hinweg zu kommen. Das erklärt sich damit, dass wir fürchten, dass wenn wir aufhören uns schlecht wegen des Verlustes schlecht zu fühlen, es eine Art Verrat am geliebten Menschen sein könnte. Das alles kann die Trauerarbeit und eine gesunde Erinnerungsarbeit schwierig werden lassen. Doch haben sich fernab der Kirche bereits andere Möglichkeiten entwickelt, jemanden zu Beerdigen, was schon ein guter Schritt ist. Und in den letzten Jahren kommt neben der Trauerarbeit und Trauerbegleitung auch noch eine neue Art der Erinnerungskultur hinzu.
Sicherlich sind wir anfangs hilf- und ratlos, weil wir keine Ahnung haben, wie das gehen soll. Wir sind unsicher, weil wir nicht wissen, was angemessen ist. Ob wir vielleicht über- oder untertreiben. Aber dafür gibt es Menschen wie mich: Trauerbegleiter und mittlerweile auch Seiten im Netz, die Ideen bereit halten. Auch auf meinem Blog kannst du einige Ideen finden und heute stelle ich dir die Baumketten als kreative Erinnerungsmöglichkeit vor.
Baumketten
Was ich an den Baumketten so mag, ist, dass sie quasi ein ganzes Erinnerungsprojekt darstellen, das sich ausbauen lässt.
Letztes Jahr hat mich eine Klientin auf die Idee mit den Baumketten hingewiesen und ich war sofort begeistert. Jetzt fragst du: „Wie kann man im Zusammenhang mit Trauer denn begeistert sein?“ und du hast Recht, das ist schwer zu begreifen. Aber genau darum geht es: um das Begreifen, dass der geliebte Mensch nicht mehr lebt.
Mit den eigenen Händen
Unsere Hände können uns helfen, etwas besser zu begreifen. Daher meine Begeisterung für diese Baumketten. Natürlich spreche ich hier von selbst gemachten und nicht von gekauften Ketten. Und hier kommt der Projektcharakter dieser Angelegenheit ins Spiel, denn es handelt sich hierbei nicht um eine kurze Aktion, sondern um einen Prozess, der deine Seele behutsam mitnehmen kann.
Projekt Baumkette
Für dieses Projekt kannst du dir im Vorfeld ein paar Fragen stellen:
- Wo könnte so eine Baumkette hängen?
- Welches Material ist passend?
- Darf die Baumkette auch verwittern oder auch im Sturm verloren gehen?
- Wen möchte ich daran beteiligen?
1. Wo könnte so eine Baumkette hängen?
Das könnte der Garten deines verstorbenen Menschen sein oder dein eigener. Auf jeden Fall würde ich zu einem privaten Grundstück raten und den öffentlichen Raum in diesem Zusammenhang meiden.
2. Welches Material ist passend?
Damit kenne ich mich auch noch nicht in der Freiland-Erprobung aus, aber ich habe für meinen kürzlich verstorbenen Onkel eine Baumkette für seinen Garten gemacht. Dort haben mein Bruder und ich mit seinen Söhnen einen Teil unserer Kindheit verbracht. Die Katze Minka spielte auch eine Rolle und es wuchsen dort Brombeeren. Nun ist eine Baumkette mit Perlen als Erinnerungsstück vielleicht nicht ganz passend für einen Mann. Daher habe ich die Farben pink, rosa und lila vermieden und mich zum Einen für Blau für den Himmel und das Wasser entschieden, denn mein Onkel war es, der mit uns an den Wochenenden an den Baggersee fuhr und dafür sorgte, dass wir ein paar unbeschwerte Stunden verleben durften.
Auf dem Bild kannst du vielleicht ganz kleine schwarze Perlen erkennen. Die stehen für die Brombeeren, die ich in seinem Garten pflücken durfte. Ansonsten habe ich mich für ein paar Holzperlen entschieden, die sicherlich nicht für die Ewigkeit gedacht sind und für grüne und naturfarbene Perlen und als Zwischenperlen auch hier und da für welche aus Metall. Zum Auffädeln habe ich 0,3 mm dicken Silberdraht benutzt.

Mein Onkel war ein zuverlässiger Helfer. War man in Not, konnte man immer zu ihm kommen. Er war kein Mann der vielen Worte, sondern einer der Taten und er hat nie Aufhebens davon gemacht. Die rot eingekringelte Perle sollte das symbolisieren, denn diese Perle habe ich selbst gemacht. Sie ist aus Gießharz und bietet so die Möglichkeit, beispielsweise auch eine Woll- oder Stofffaser eines Kleidungsstückes mit in die Gießform zu geben.
Als Abschluss-Stück habe ich etwas Schwereres gewählt, damit die ganze Sache etwas mehr Gewicht bekommt.
3. Darf die Baumkette im Sturm verwittern oder im Sturm verloren gehen?
Ich finde: Ja! Auf jeden Fall darf sie das. Warum? Weil das unsere Vergänglichkeit symbolisiert. Wenn du aber möchtest, dass diese Baumkette sich nicht in den Ästen verheddert, kannst du sie auch alle paar Zentimeter an einem Ast mit Bindfaden oder Kabelbinder befestigen. Und du wirst bei deiner Projektplanung genügend Perlen übrig haben, aus denen du, als Pendant zur Baumkette, ein Armband machen kannst das du entweder tragen oder sicher zu Hause aufbewahren kannst. Und das bringt uns zu Punkt 4:
4. Wen möchte ich daran beteiligen?
So eine Baumkette kann auch ein Gemeinschaftsprojekt sein. Das heißt, ihr (du, Verwandte, Kollegen, Angehörige, Freunde, Vereinsmitglieder, etc.) macht euch gemeinsam Gedanken über die verstorbene Person und sucht bestimmte Perlen oder andere Dinge, die ihr auffädeln könnt, mit denen ihr eure Erinnerungen an die verstorbene Person verbindet. Jeder und jede der Beteiligten könnte beispielsweise ein Armband bekommen um die Verbundenheit mit diesem Menschen auszudrücken. Auch die Männer, denn so eine Baumkette kann auch aus rein natürlichen Materialien bestehen und ihr könntet Lederbänder oder Bindfaden dafür verwenden.
Individuelle Gestaltung
Die individuelle Gestaltung steht für mich dabei im Vordergrund. Was verbindet dich mit dem Verstorbenen? Was ist dir wichtig? An was erinnerst du dich? Was möchtest du damit zum Ausdruck bringen? So kannst du dort auch etwas auffädeln, was eure Liebe symbolisiert oder auch euren letzten Streit oder ein Dauerthema, das ihr hattet.
Etwas Magie
Genau, denn jetzt kommt es zum magischen Teil der ganzen Angelegenheit. Als ich die Baumkette für meinen Onkel gemacht habe, hatte ich die Materialsammlung abgeschlossen und war nur noch auf das Auffädeln konzentriert und konnte darin versinken und ich fühlte mich sehr verbunden mit meinem Onkel. Dabei habe ich mir viel Zeit gelassen, Perlenkombinationen ausprobiert und wieder verworfen, bis sich alles harmonisch und stimmig angefühlt hat. Und genau das ist es, was ich meine, wenn ich weiter oben schreibe: Mit den eigenen Händen begreifen. Es kann tatsächlich helfen.
Unterschätzte Kleinigkeiten
Da wir den Verlust eines geliebten Menschen als sehr hoch und vermutlich als Schlimmstes, was einem passieren kann, bewerten, kann es leicht passieren, dass wir kleine kreative und individuelle Dinge und Handlungen unterschätzen. Das kann dazu führen, dass wir sie nicht für uns nutzen und somit hilflos auf unseren Gefühlen sitzen bleiben. Auf Dauer ist das nicht gesund für unsere Seele.
Ich hoffe dieser Artikel kann dich dazu ermuntern, dich auf den Weg für dein kreatives Erinnerungsprojekt zu machen.
Mehr über mich und meine Angebote
Mehr über mich und meine Angebote zum Thema Krisen- und Trauerbegleitung und meine Bücher findest du unter trauerbegleiter.org. Dazu gehören auch Einzelcoachings, Online-Seminare und Seminar-Reisen. Für mein kostenfreies Newsletter-Magazin kannst du dich hier registrieren. Wenn du dich in einer schwierigen Lebenssituaion befindest, können dir manchmal ein paar Impulse auf deinem Weg in ruhigere Gefilde weiter helfen, den nächsten Schritt zu machen. Viele Hinweise findest du auf meiner Homepage unter „Impulse auf dem Weg“. Dann gibt es da noch den Podcast „Lebendig-Irgendwas geht immer“. Dort unterhalte ich mich mit Menschen, die im Bereich Krisen- und Trauer arbeiten oder selbst große Krisen und Verluste gemeistert haben. Und wenn du dich noch mehr zum Thema Krisen und Trauer informieren darüber möchtest, kannst du mal das Trauer-Radio einschalten. Neu hinzu gekommen sind die kostenfreien Gruppen bei WhatsApp, Telegram und Signal weiter unten. Hier gibt es Links zu Themen, die es nicht in meinen Newsletter oder auf meinen Blog geschafft haben, bzw. Nachrichten, wenn ich wieder etwas poste.
Hier kannst du die PDF für die Traumreise „Ich bin glücklich“ herunterladen, die du dir hier direkt anhören kannst. Verschiedene Traumreisen gibt es in meinen Büchern und Seminaren.

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