Warum Kreativität bei Trauer helfen kann

Einen geliebten Menschen verlieren

Trauer – eine krasse Herausforderung: Wenn du einen geliebten Menschen verloren hast, so ist das, was es in dir auslöst, sicherlich unter der Überschrift „Trauer“ zu sehen, aber das Gefühl von Trauer ist so individuell, wie wir alle einzigartig sind.

Gerade jetzt, wenn die Tage so kurz sind, uns das Licht fehlt und Trauernde gerade das erste Weihnachten und das erste Silvester ohne ihren geliebten Menschen verbringen, werden sie von den Gefühlen besonders stark eingeholt.

Das schwerste Gefühl überhaupt

Gerade in Deutschland gehen wir davon aus, dass Trauer deswegen zu den verdrängtesten Gefühlen überhaupt gehört, weil in den beiden Weltkriegen so viele Menschen ums Leben kamen, dass es gar nicht möglich war, die vielen Toten ausreichend und angemessen zu betrauern. Die Gefühle mussten verdrängt werden, denn ein zerstörtes Land war wieder aufzubauen.

Aber das ist nicht die einzige Erklärung, denn Trauer ist das schlimmste, oder nennen wir es das anspruchsvollste Gefühl, das wir haben können.

Warum ist Trauer so ein herausforderndes Gefühl?

  • Es fehlt an einer ausgeprägten Trauerkultur und damit geht die fehlende Anerkennung dieses Seelenschmerzes einher.
  • Wir lernen es nicht, in der Schule damit umzugehen und werden nicht darauf vorbereitet, dass wir einen geliebten Menschen verlieren könnten.
  • Fehlende Erfahrungswerte können dazu führen, sich überfordert zu fühlen.
  • Gute Ratschläge: Die bekommt man in großen Mengen – meistens von Menschen, die noch nie wirklich um einen geliebten Menschen trauern mussten. Sie klingen in den Ohren von Trauernden wie Schläge. Wie beispielsweise: Du musst dann aber auch mal loslassen. Die Liebe braucht niemand loszulassen aber es dauert nunmal seine Zeit, einen Weg zu finden, wie diese Liebe auf eine andere Weise weiter gelebt werden kann.
  • Der eigene Anspruch, stark zu sein: Unsere Erwartung an uns selbst, schnell und effektiv weiter zu funktionieren ist sehr hoch. Das hat viel damit zu tun, dass wir denken, immer perfekt sein zu müssen. In Zeiten, die ganz und gar nicht perfekt sind, kollidieren diese beiden entgegengesetzten Kräfte sehr schmerzhaft.
  • Die Hilflosigkeit von einem selbst und vom Umfeld: Auch hier geht es darum, dass wir es nicht gewohnt sind, unangenehme und auch extrem belastende Gefühle auszuhalten. Diese fehlende Kompetenz führt dazu, Gefühle von Trauer und Verzweiflung abzuwehren, weil sie unerträglich erscheinen. Jedoch werden sie dadurch oft schlimmer. Der Weg durch die Trauer ist, dass wir irgendwann in der Lage dazu sind, unser Schicksal zu akzeptieren und „Ja“ zu unserem Schicksal zu sagen.
  • Unser Umfeld folgt dem Beispiel der anderen: So wird erwartet, dass Trauer ganz privat gelebt und gefühlt wird. Möglichst so, dass sich keiner davon behelligt oder belastet fühlt. Also können wir den Umgang mit Trauer auch nicht durch Vorbilder lernen. Dahinter kann eigene unverarbeitete Trauer stecken oder die Angst davor, dass man selbst auch jeder Zeit einen schweren Verlust erleiden könnte.
  • Dabei ist für Menschen nach Schicksalsschlägen da zu sein, oft gar nicht so schwierig: Trauernde bräuchten jemanden, der ganz gut zuhören kann und sie einfach in den Arm nimmt. Natürlich sind Trauernde auch sehr empfindlich und die Angst, etwas falsch zu machen, führt oft zu Hemmungen. Aber nichts zu tun und sich zurückzuhalten oder desinteressiert zu reagieren, ist ziemlich wahrscheinlich ein Fehler.
  • Wir leben in einer Zeit, in der es darum geht, immer zu funktionieren: Bis wir merken, dass das in Trauerzeiten nicht wie gewohnt funktioniert, kann es eine Weile dauern.
  • Einhundert prozentig perfekt zu sein, reicht bei Weitem nicht mehr und so kämpfen Trauernde mit sich viel zu lange, bis sie sich Hilfe holen.
  • Gefühle werden generell als privat angesehen und behandelt: Dieses Muster zu durchbrechen ist verständlicher Weise sehr schwer. 2022 sind 1,06 Millionen Menschen gestorben und haben ein Mehrfaches an Angehörigen hinterlassen, die um sie trauern. Trauer ist also etwas, das uns alle betrifft. Sie kann uns nicht abgenommen werden aber sie gehört zu unserer Gesellschaft dazu und sollte kein Tabu sein.
  • Zeigen wir unsere Gefühle dennoch, werden wir viel zu oft durch entsprechende Reaktionen zum Schweigen gebracht. Das tut weh und ist sehr schade für alle.

Das ist das, was von außen auf uns einwirkt. Betrachten wir aber das Gefühl von Trauer ganz direkt, so wird schnell klar, dass Trauer unglaublich vielschichtig in jeder Sekunde ist. Außerdem verändert sie sich nicht nur irgendwie über Wochen und Monate, nein, die Stimmung kann sich überraschend von einer Sekunde auf die nächste ändern.

Daraus ergeben sich beispielsweise unkontrollierbare Weinattacken am Kühlregal im Supermarkt, wenn wir ganz automatisch nach dem Lieblingsessen des Verstorbenen gegriffen haben und auf dem Weg in den Einkaufskorb bemerken, wie schmerzhaft sinnlos der Kauf dieses Produktes nun ist. Wir sind komplett überrascht von der Heftigkeit dieses wirklich kleinen Augenblicks, der wahrscheinlich nur eine Sekunde lang gedauert hat. So reihen sich massenweise für einen langen Zeitraum solche Momente aneinander. Für die Seele ist das enorm anstrengend.

Seelische Stabilität war bisher der Normalfall

Wir sind es gewohnt, seelisch relativ stabil zu sein und höchstens in spontanen Situationen eventuell emotional mit Ärger, Freude oder Kränkung zu reagieren. Jetzt ist alles ungewohnt und komplett anders, obwohl sich die Welt ganz unverändert weiter dreht. Diese Gleichzeitigkeit der von einander verschiedenen Realitäten ist sehr schwer zu verarbeiten und in unsere Seelenlandschaft zu integrieren.

Was ist anders bei Trauer?

Bei einem Verlust geht es nicht nur um den Augenblick in dem ein Mensch stirbt und wir reagieren emotional auf den Tod und am nächsten Tag reagieren wir auf andere Dinge, die uns Widerfahren. Der Moment in dem wir den Verlust erleben, haut uns zunächst nachhaltig aus den Socken, je nach dem wie nahe uns der Verstorbene stand. Oft ist das ganze Leben nun nicht mehr wie es einmal war und wird auch niemals wieder so werden. Diesen Umbruch zu verkraften, tut sehr weh und braucht Kraft und Zeit. Ein neues Leben ohne den geliebten Menschen aufzubauen, ist das Gegenteil von dem, was Trauernde wollen. Wenn das Leben eine Entwicklung von uns fordert, die wir schrecklich finden, ist das eine ganz besondere Herausforderung und dauert länger, als wir uns das vorstellen können.

Wenn der Tod unerwartet eintritt, kann es Wochen und Monate dauern, bis wir den Verlust überhaupt begreifen können. Auch nach langer Krankheit konnten wir uns vorher nicht vorstellen, welche schwerwiegenden Gefühle der Verlust bei uns auslösen wird und das nahezu alle Bereiche unseres Lebens davon betroffen sein können.

Jahres- und Feiertage

Auch wenn bereits das Schlimmste passiert ist und wir es überlebt haben, machen uns all die Jahrestage der nächsten Wochen und Monate zu schaffen und das schon Tage und Wochen vorher. Plötzlich fällt schmerzhaft auf, wie viele dieser besondere Jahrestage es gibt und wir hangeln uns von einem zum nächsten. Kaum haben wir uns etwas von den Geburts- und Hochzeitstagen erholt, müssen wir die Feiertage wie Ostern, Weihnachten und Neujahr irgendwie überleben.

Zusammengefasst ist Trauer wie ein Seelen-Marathon, der einem für eine sehr lange Zeit Vieles abverlangt. Erschöpfung, Antriebslosigkeit und eingeschränkte Konzentationsfähigkeit können nun dazugehören. Also ist es eine gute Idee, nicht ungeduldig mit sich selbst zu sein, dass wir in der Trauerzeit ganz anders sind, als wir uns kennen. Irgendwann lässt das alles nach und dann können wir die Erfahrungen für unser weiteres Leben nutzen.

Verstehen kann es nur, wer es selbst schon durchgemacht hat

Niemand, der so etwas noch nicht durchgemacht hat, hat auch nur die leiseste Vorstellung davon, wie weh das tut. Auch wenn dafür niemand so richtig etwas kann, fühlen sich Trauernde dadurch oft sehr alleine gelassen.

Wenn fast dein ganzes Leben mit dem Verstorbenen zusammen hängt

Wenn fast dein ganzes Leben bisher mit dem Verstorbenen zusammengehangen hat, dann sind nahezu alle Bereiche deines Lebens von diesem Verlust betroffen.

Wenn du eine Tochter oder ein Sohn bist, ist einer deiner Eltern nun Witwe oder Witwer. Dadurch verändert sich womöglich dein Verantwortungsbereich oder deine Position. Wie gehst du damit um und wie möchtest du dem nachgehen? In wie weit ist es möglich, die neue Rolle selbst in die Hand zu nehmen und sie zu gestalten? Gedanken, die du dir erst machen kannst, wenn du dich einigermaßen an die neue Situation gewöhnt hast, wenn überhaupt.

Oder du bist die Mutter oder der Vater, die oder der nun ohne sein geliebtes Kind weiter leben muss. Wie kannst du weiterhin ein liebendes Elternteil für dieses Kind sein?

Oder du bist die Witwe oder Witwer und musst nun alles alleine entscheiden. Nicht das du das nicht könntest, aber du hast es immer geliebt, dich mit deinem Menschen zu beraten und darauf zu achten, dass ihr beide mit euren Entscheidungen glücklich oder einverstanden sein könnt. Jetzt soll es nur noch um dich gehen? Das musst du erst einmal lernen. Wie sollst du das lernen, wenn du es gar nicht willst?

So könnte ich ein Beispiel an das nächste hängen und dieser Beitrag wäre unendlich lang.

Gefühle ausdrücken

So heftige Gefühle zu haben, sind wir einfach nicht gewohnt. Und sie auszudrücken haben wir auch nicht gelernt. Außerdem wollen wir niemandem damit auf die Nerven gehen. Wenn wir unsere Gefühle aber anstauen und für uns zu behalten, werden wir früher oder später krank. Damit ist niemandem geholfen, daher sollten wir bereit dazu sein, es zu lernen. Aber wie?

Wir haben vielleicht Vorstellungen von Heulen und Zähneklappern bis wir erschöpft zusammenbrechen. So wird es wohl auch immer wieder passieren und das ist gut, wenn wir auf diese Weise unserer Seele Entlastung verschaffen. Aber da geht noch mehr, denn wir können schreiben, malen, basteln kreieren und Erinnerungen dokumentieren und ihnen einen besonderen Platz schenken, denn …

Offene Enden

… denn unsere Seele mag offene Enden nicht und arbeitet sich damit häufig sehr intensiv ab. Um dieser Tendenz nach und nach wenigstens etwas Frieden zu verschaffen, ist es sinnvoll „Kreative Erinnerungsarbeit“ zu leisten. Ja, es handelt sich dabei um Trauerarbeit, die wir für deine seelische Gesundheit zu leisten haben. Niemand kann uns das abnehmen. Durch kreative Erinnerungsarbeit können wir versuchen, durch das Andenken die offenen Enden aufzufangen.

Wie wir uns dabei unterstützen können, habe ich im Blog mit verschiedenen Beiträgen zusammen getragen. Und weil an dieser Stelle nahezu alle jammern, dass sie nicht kreativ sind, habe ich hier ein paar garantiert talentfreie Methoden: Klick!

Wenn du es mir nicht glaubst …

Wenn du denkst, ich übertreibe, oder dass diese „Kleinigkeiten“ gar nicht so viel bewirken können, dann kannst du das auch im „Podcast to go!“ von Franca Cerutti in der Folge „Trauer und Verlust“ nachhören: Klick!

Mehr über mich und meine Angebote

Mehr über mich und meine Angebote zum Thema Krisen- und Trauerbegleitung und meine Bücher findest du unter trauerbegleiter.org. Dazu gehören auch EinzelcoachingsOnline-Seminare und Seminar-Reisen. Für mein kostenfreies Newsletter-Magazin kannst du dich hier registrieren. Wenn du dich in einer schwierigen Lebenssituaion befindest, können dir manchmal ein paar Impulse auf deinem Weg in ruhigere Gefilde weiter helfen, den nächsten Schritt zu machen. Viele Hinweise findest du auf meiner Homepage unter „Impulse auf dem Weg“. Dann gibt es da noch den Podcast „Lebendig-Irgendwas geht immer“. Dort unterhalte ich mich mit Menschen, die im Bereich Krisen- und Trauer arbeiten oder selbst große Krisen und Verluste gemeistert haben. Und wenn du dich noch mehr zum Thema Krisen und Trauer informieren darüber möchtest, kannst du mal das Trauer-Radio einschalten. 

Hier kannst du die PDF für die Traumreise „Ich bin glücklich“ herunterladen, die du dir hier direkt anhören kannst. Verschiedene Traumreisen gibt es in meinen Büchern und Seminaren.

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