Zora del Buono „Seinetwegen“
Update vom 18. November 2024: Zora del Buono hat es vor einigen Wochen mit ihrem Buch „Seinetwegen“ auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Beim Schweizer Buchpreis sogar auf die Shortlist – also unter die letzten fünf MitbewerberInnen. Und letztes Wochenende ist sie zur Siegerin gekürt worden. Ich freue mich sehr darüber, denn dieses Buch ist so lesenswert und inspiriend.
Es gibt so Momente im Leben, da zeigt es sich, warum ich Bücher so liebe. Gestern war so einer: Als ich „Kulturzeit“ am 10. Juli 2024 auf 3Sat schaue, wird das Buch „Seinetwegen“ von Zora del Buono vorgestellt. Sofort ist mir klar, dass dieses Buch hilfreich ist. Viele Bücher können hilfreich sein. Warum dieses? Ohne es zu lesen, hätte ich es schon empfehlen können aber in den allermeisten Fällen stelle ich nur Dinge vor, die ich wirklich kenne. Also musste dieser Beitrag in einer kurzen Warteschleife ausharren, bis ich mir das Buch angehört habe.
Das dauert nicht lange, denn es ist erwartungsgemäß so gut geschrieben, aufgebaut und recherchiert, dass ich die etwas mehr als sechs Stunden, die es dauert, einräume. Zum Glück ist Wochenende und da geht das ziemlich problemlos.
Zora del Buono hat ihren Vater durch einen Autounfall verloren, als sie selbst erst acht Monate alt war. Jetzt mit etwas über 60 Jahren, macht sie sich auf die Suche nach dem Fahrer des Autos, der diesen Unfall verursacht hat. Sie scheut keine Mühen und keinen Aufwand. Dabei hilft ihr, dass sie bereits einen Roman über die Familie vor allem über die Mutter ihres Vaters „Die Marschallin“ geschrieben hat. Gute Recherche ist eindeutig ihr Ding und das, was sie herausfindet, für die Leser fühlbar und einordenbar zu machen, kann sie einfach.
Warum finde ich gerade dieses Buch für einen Blog bei dem es um Krisen und Trauer geht, so wichtig?
Dieses Buch zeigt unter anderem, wie viel verschwiegen wird. Welche Kraft so ein unausgesprochenes „Darüber zu reden Verbot“ hat und wie viele Menschen sich dem ergeben. Darunter kann die Seele Jahre und Jahrzehnte zusätzlich zum Verlust leiden. Manchmal schaffen wir es, uns erst dann auf den Weg zu machen, die alten Geschehnisse zu erkunden, wenn diejenigen, die diesen Bann, selbst nicht mehr wie gewohnt, aufrecht erhalten können, weil sie alt oder krank sind oder versterben. In Zoras Leben wird ihre kraftvolle Mutter dement und das ist wahrscheinlich der Augenblick, so hart diese Erkrankung für die beiden auch sein mag, an dem die Tochter sich endlich auf den Weg machen kann, um herauszufinden, was damals genau geschehen ist.
Dabei trägt sie mehr oder weniger unterbewusst im Herzen, dass nicht nur ihre Familie unter diesem Schicksalsschlag lebenslänglich leidet, sondern auch der Mensch – bis dahin nur „Der Kerl“ kein normales Leben mehr führen konnte. Für alle am Unfall Betroffenen gibt es ein Davor und Danach. Ohne zu weit vorzugreifen, kann ich sagen, dass sie Spuren findet und aufnehmen kann.
Warum ist die Auseinandersetzung mit schweren Themen wichtig?
Noch immer kursiert die Überzeugung, dass uns schwere Themen belasten. Daher werden sie tunlichst vermieden oder möglichst nur oberflächlich angeschnitten, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Wir scheuen uns, in die Tiefe zu gehen, denn wir haben es einfach nicht gelernt. Ein Gefühl zu Ende zu fühlen, statt es zu unterdrücken, wird uns nicht vorgelebt. Die Milchmädchenrechnungen dabei ist, dass diese Dinge dennoch belastend auf uns wirken. Oft durch die Verdrängung stärker, als wenn wir ihnen einen angemessenen Raum verschaffen. Es ist Zeit, diese Starre zu verlassen und dieses Buch hilft uns dabei, weil es uns zeigt, wie es gehen kann.
Zora del Buono nimmt uns auf ihren authentischen Weg mit. Gleichzeitig gelingt es der Autorin durch ihre Expertise tiefgründig die Geschehnisse zu beleuchten. Dabei geht sie auch in die Breite und und versorgt uns mit Fakten, die wiederum hilfreich dabei sind, das Ereignis, das auch nach Jahrzehnten noch wie ein Monolith dazustehen scheint, in eine Gefühls- und Faktenlandschaft einzubetten. Aber was bedeutet das für jemanden, der Ähnliches in seiner Biographie aufzuweisen hat aber denkt, nicht die Kraft und die Möglichkeiten zu haben, sich ebenfalls auf die Suche nach der Wahrheit zu machen?
Sollte es wirklich so sein, dass so eine Reise in die Vergangenheit für andere mit tragischen Verlusten, nicht mehr möglich ist, so tut Zora del Buono es für all jene stellvertretend, denn sie schafft es, ihren Prozess, während ihrer Wanderschaft durch die Zeiten, so sichtbar zu machen, dass wir mit ihr mitwachsen können. Am Ende dürfen wir mit ihr gemeinsam in Frieden kommen.
Auf den Weg machen
Dennoch und dabei hilft aus meiner Sicht dieses Buch ebenfalls, halte ich es für wichtig, sich selbst auf den Weg zu machen. Das Schweigen zu durchbrechen und rote Linien mit gebührenden Respekt und Sicherheitsabstand zu übertreten. Denn auch wenn andere bisher den Umgang mit so einem Drama kontrolliert haben, heißt das nicht, dass wir das auf Dauer einfach hinnehmen müssen. Die Dominanz der BestimmerInnen hat bisher suggeriert, dass wir uns unterzuordnen haben, damit die Wahrheit nicht weh tut oder wir nicht in schmerzhafte Sackgassen geraten. Aber sind wir ehrlich: Es tut ohnehin weh! Davor kann uns der Teppich des Schweigens in keiner Weise bewahren.
Der Teppich des Schweigens
Aber Dinge nicht zu wissen, sie zu vermuten aber sie nicht ansehen und fühlen zu dürfen, verhindert die Möglichkeit, der gesunden Verarbeitung von Schicksalsschlägen. Dadurch wird der geliebte Mensch nicht mehr lebendig und die Erschütterung, die dadurch ausgelöst wurde, wird immer ihr Echo behalten. Doch wenn wir damit beginnen, uns aus dieser, von außen auferlegten, Starre zu befreien und unseren eigenen Weg damit zu suchen und zu finden, kann das heilsam wirken, wie dieses Buch es, für meine Begriffe sehr bedeutsam verdeutlicht.
Hol dir Unterstützung
Heute haben wir andere Möglichkeiten, um uns bei schweren Themen begleiten zu lassen als unsere direkten und früheren Vorfahren. Denn aus diesem damaligen Mangel heraus, resultiert hauptsächlich die Vermeidungsstrategie Problemen zu begegnen. Auch die Suche selbst muss nicht mit einem Hauruck passieren, sondern darf – wie auch im Buch – ihre Zeit in Anspruch nehmen. Trau dich, eine gute Therapeutin oder einen Therapeuten zu finden, die dich auf diesem Weg begleiten können und Anregungen für dich bereit halten. Beziehe dein Umfeld mit ein und lasse es an deinem Wachstum teilhaben. Nimm auch die ängstlichen und misstrauischen Beteiligten liebevoll und mutig mit. Beginne, dem Leben zu vertrauen. Lerne, dir selbst zu vertrauen.
Aus dem Klappentext „Seinetwegen“: 1963 kam Zora del Buonos Vater bei einem Autounfall ums Leben. Er wurde 33 Jahre alt. Ein junger Mann überholt ein Pferdefuhrwerk und stößt frontal mit dem VW-Käfer zusammen, in dem Manfredi del Buono sitzt. Zora ist damals noch ein Baby. Sie wuchs allein bei ihrer Mutter auf. Über den Unfall geredet wurde nie. Der Vater blieb die eine große Leerstelle in ihrem Leben. Der Unfall-Verursacher war die andere große Leerstelle, die sie nun mit einem Buch gefüllt hat.
Mehr über mich und meine Angebote
Mehr über mich und meine Angebote zum Thema Krisen- und Trauerbegleitung und meine Bücher findest du unter trauerbegleiter.org. Dazu gehören auch Einzelcoachings, Online-Seminare und Seminar-Reisen. Für mein kostenfreies Newsletter-Magazin kannst du dich hier registrieren. Wenn du dich in einer schwierigen Lebenssituaion befindest, können dir manchmal ein paar Impulse auf deinem Weg in ruhigere Gefilde weiter helfen, den nächsten Schritt zu machen. Viele Hinweise findest du auf meiner Homepage unter „Impulse auf dem Weg“. Dann gibt es da noch den Podcast „Lebendig-Irgendwas geht immer“. Dort unterhalte ich mich mit Menschen, die im Bereich Krisen- und Trauer arbeiten oder selbst große Krisen und Verluste gemeistert haben. Und wenn du dich noch mehr zum Thema Krisen und Trauer informieren darüber möchtest, kannst du mal das Trauer-Radio einschalten. Neu hinzu gekommen sind die kostenfreien Gruppen bei WhatsApp, Telegram und Signal weiter unten. Hier gibt es Links zu Themen, die es nicht in meinen Newsletter oder auf meinen Blog geschafft haben, bzw. Nachrichten, wenn ich wieder etwas poste.
Hier kannst du die PDF für die Traumreise „Ich bin glücklich“ herunterladen, die du dir hier direkt anhören kannst. Verschiedene Traumreisen gibt es in meinen Büchern und Seminaren.
