Was ist das immer mit den Gefühlen?
Gefühle, Trauer und Tränen: Heute habe ich mit einer Klientin gesprochen. Ihr Weg zu mir führte über eine Kassen-Therapeutin, die sich mit Trauer offensichtlich nicht auskannte. Das ist oft so und entsprechend irritierend für Diejenigen, die einen geliebten Menschen verloren haben.
Trauer ist keine psychische Erkrankung
Denn Martha* sollte, einen ewiglangen Frage-Kanon, in dem sie nahezu alles offenbaren sollte, was so in ihrem bisherigen Leben los war, ausfüllen. Da waren viele Einzelheiten, die im Moment überhaupt keine Rolle spielten, wesentlich wichtiger als die Trauer um ihre verstorbene Mutter. Besonders in Erinnerung geblieben war die detaillierte Auskunftsabfrage über ihren Alkoholkonsum, etwaigen Drogenmissbrauch, Essstörungen, etc. Aber all das hatte in ihrem Leben nie eine Rolle gespielt und im Moment ganz besonders nicht. Sicherlich sind diese Fragen wichtig für eine Therapie aber eben nicht für eine Trauerbegleitung, denn Trauer ist keine psychische Erkrankung, kann aber eine werden, wenn man versucht, sie zu unterdrücken, unangemessen damit umgeht oder andere – selbst Therapeuten, weil sie das im Studium nicht beigebracht bekommen – damit überfordert sind.
Wenn die Tränen fließen
Aber das war ja noch längst nicht alles, denn als es dann endlich um den Verlust gehen sollte, kamen Martha während des Erzählens die Tränen. Das hat die Therapeutin sofort mit dem Argument unterbunden, dass sie sich da ja wohl in etwas hineinsteigern würde und das wäre falsch und täte ihr gar nicht gut. Ganz und gar nicht zielführend für die Bewältigung ihrer Trauer-Reaktion.
Was für ein furchtbarer Moment für Martha, denke ich, als sie mir das erzählt. Denn gerade in der ersten Zeit nach einem Verlust, fließen die Tränen meist unaufhörlich und das ist auch natürlich und gesund. Es ist schwer, genau Zeiträume dafür anzugeben, denn es gibt auch Menschen, die selbst nach einem großen Verlust gar nicht oder wenig weinen. Doch bei Menschen, wo die Tränen unkontrollierbar fließen, kann das mehrere Wochen bis zu Monaten dauern. Nach und nach wird „die ständige Heulerei“ dann seltener und wir sind dann mehr und mehr in der Lage, die Tränen zu unterdrücken. Schon beim Lesen des Wortes „unterdrücken“ müsste im Zusammenhang von Trauer eigentlich klar sein, dass das nicht gut sein kann.
Sechzig Prozent aller Depressionen resultieren aus unterdrückter Trauer
Laut Dr. Manfred Wolfersdorf, Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth (mittlerweile a.D.) und Studien, die diese hohe Zahl belegen, entstehen über 60 Prozent aller Depressionen durch unverarbeitete Trauer.
Da es diese Erkenntnis bereits seit einer Weile gibt, ist es umso unverständlicher, dass Trauerbegleitung immer noch nicht von Krankenkassen übernommen wird. Das kann natürlich damit zusammenhängen, dass Psychologen und Psychiater mit Kassenärztlicher Zulassung sich nicht mit diesem Thema auskennen. Also wohin mit all den traurigen Menschen? Sie werden einfach ignoriert.
Der Unterschied zwischen Depression und Trauer
Trauer und eine leichte depressive Verstimmung ähneln sich in der Regel sehr. Daher ist es wichtig, beide etwas genauer zu betrachten. Meine Kollegin Chris Paul, deren Bücher über Trauer ebenso hilfreich sein können, hat dies getan: „Trauer und Depression – ungleiche Schwestern“: Klick! In ihrem Artikel verschafft sie uns einen klaren Überblick über die verschiedenen Symptome und den Umgang damit. Aus meiner Sicht eine sehr hilfreiche Unterstützung, wenn es darum geht, sich selbst besser zu verstehen, sich besser helfen zu können oder helfen zu lassen. Auf für Menschen, die jemanden begleiten, kann das Wissen um die Unterschiede hilfreich sein. Hier wird erklärt, dass Gefühle und Tränen zur Trauer dazu gehören. Eine klinische Depression hingegen zeichnet sich dadurch aus, dass Gefühle und Tränen in der Regel fehlen.
Das Umfeld
Auch das persönliche Umfeld reagiert oft abwehrend und überfordert und möchte mit dem Thema Trauer nicht belastet werden. Das kann viele Gründe haben:
- Betroffenheit durch eigene Verluste bzw. deren Verdrängung,
- keine eigenen Erfahrungen damit,
- generelle Überforderung mit Gefühlen – insbesondere mit negativen Emotionen,
- Unkenntnis,
- Hilflosigkeit und
- Besserwisserei.
Erst letztes Jahr wurde ich sogar regelrecht von jemandem verbal angegriffen, dass etwas mit mir nicht stimmen kann, weil ich für Trauernde da bin. Bis dahin war ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass Menschen auch aggressiv auf den Beruf der Trauerbegleiterin reagieren können, obwohl ich mit dieser Person niemals darüber gesprochen hatte. Sie wusste von irgendwoher, was ich mache und hat die Gelegenheit genutzt, als wir uns zufällig mal über den Weg gelaufen sind, mir ihre Meinung und ihren Ärger darüber ungefragt um die Ohren zu hauen. Zum Glück ist mir das in 15 Jahren bisher vorher noch nie passiert, denn gut angefühlt hat sich das nicht. Aber es hat mich daran erinnert, dass wir, was Trauer betrifft, nicht alle auf dem gleichen Erkenntnisstand sind und viele Menschen denken, dass Trauer keine Rolle spielt, nicht wichtig ist, nicht besprochen und schon gar nicht gezeigt werden sollte – selbst Therapeuten.
Die Betroffenen
So bleiben viele Trauernde allein, weil:
- ihre Unsicherheit sie leicht verzagen lässt,
- sie durch ihre Trauer nicht viel Kraft haben, Widerstand gegen abwehrende Meinungen zu aufzubringen,
- sie nicht über genug Ressourcen verfügen, um sich eine selbstbezahlte Trauerbegleitung zu leisten,
- oder sie gar nicht erst auf die Idee kommen, dass es so etwas gibt.
- Allerdings fehlt es oft auch an der Bereitschaft, Geld für eine gute Begleitung auszugeben.
Besonders schade und für die Seele zusätzlich belastend finde ich, dass die Betroffenen dadurch selbst denken, mit ihnen stimmt etwas nicht, weil sie so traurig sind und entsprechende Trauer-Symptome an den Tag legen. Das müsste nicht sein.
Wissen über den Trauer-Prozess
Mittlerweile gibt es viele Bücher zu diesem Thema, die einem schnell und auf bezahlbare Weise weiterhelfen können, indem sie einen Überblick verschaffen, was Trauer bewirken kann. Auch von mir: Klick! Und auch das Internet ist sehr hilfreich, wenn es darum geht, sich über Trauer zu informieren, damit klar wird, dass es sich mehr als lohnt, für sich und seine Trauer einzustehen, sich um sich zu kümmern und Hilfe zu suchen. Es gibt einen Post „Trauer – eine krasse Herausforderung“ von mir, in dem ich darauf etwas genauer eingehe. Doch in dieser Kürze kann das nur ein Überblick sein und Leser*innen dazu ermutigen, sich mehr auf das Thema einzulassen.
Eine bessere Lobby für Gefühle
Zurück zu den Gefühlen. Obwohl wir mittlerweile eigentlich alle wissen könnten, dass Gefühle zu haben, ganz und gar kein Ausdruck dafür sind, schwach zu sein, denken und handeln viele noch so.
Nicht auszumalen, wie viel Leid sich vermeiden ließe, wenn sich diese merkwürdige Haltung gegenüber von Gefühlen und der Umgang damit, ändern würde. Denn mit all den Schicksalsschlägen, die es gibt, kann es jede und jeden Treffen. Anderen zuzuhören und sie ernst zu nehmen, wirkt in der Regel nicht ansteckend. Betroffene würden schneller Hilfe erhalten, würden gar nicht erst in so eine ausweglose Situation gelangen, sich allein gelassen zu fühlen und das Leben wäre allgemein angenehmer, wenn Gefühle eine bessere Lobby hätten.
Mehr füreinander da sein
Mehr für einander da zu sein, ist ein frommer Wunsch, der leider oft nur ausgesprochen aber eher weniger umgesetzt wird. Daher kann ich Betroffene nur dazu ermuntern, für sich selbst einzustehen und sich entsprechend die Hilfe zu suchen, von der sie sich ernst genommen fühlen. Wenn es um Mitgefühl geht, können auch Trauergruppen und Selbsthilfegruppen eine gute Unterstützung bieten. Denn dort triffst du auf Menschen, die Ähnliches durchleben. Zu hören, wie es ihnen ergeht, kann helfen, sich selbst besser zu verstehen.
Einen geliebten Menschen zu verlieren, ist als Schicksalsschlag kaum zu überbieten. Wenn du so einen Verlust erlebt hast und merkst, dass du alleine damit nicht zurecht kommst, such dir bitte Hilfe. Scheue dich nicht, gleich mehrere Angebote anzunehmen. Damit meine ich Therapie, Begleitung, Gruppen, Reisen und Literatur. Ich biete Einzelgespräche auch telefonisch und per Zoom an, sowie Online-Seminare und in der Regel zwei Mal im Jahr Trauer-Reisen an die Ostsee an: Klick!
* Name geändert
Mehr über mich und meine Angebote
Mehr über mich und meine Angebote zum Thema Krisen- und Trauerbegleitung und meine Bücher findest du unter trauerbegleiter.org. Dazu gehören auch Einzelcoachings, Online-Seminare und Seminar-Reisen. Für mein kostenfreies Newsletter-Magazin kannst du dich hier registrieren. Wenn du dich in einer schwierigen Lebenssituaion befindest, können dir manchmal ein paar Impulse auf deinem Weg in ruhigere Gefilde weiter helfen, den nächsten Schritt zu machen. Viele Hinweise findest du auf meiner Homepage unter „Impulse auf dem Weg“. Dann gibt es da noch den Podcast „Lebendig-Irgendwas geht immer“. Dort unterhalte ich mich mit Menschen, die im Bereich Krisen- und Trauer arbeiten oder selbst große Krisen und Verluste gemeistert haben. Und wenn du dich noch mehr zum Thema Krisen und Trauer informieren darüber möchtest, kannst du mal das Trauer-Radio einschalten.
Hier kannst du die PDF für die Traumreise „Ich bin glücklich“ herunterladen, die du dir hier direkt anhören kannst. Verschiedene Traumreisen gibt es in meinen Büchern und Seminaren.

